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Die
kleinste Landessprache der Schweiz hat es nicht leicht. Wenn man
in den Pressemeldungen der letzten Zeit blättert, stösst
man vor allem auf Nachrichten, welche das Rätoromanische
als Problem behandeln: Vom neusten Rückgang der Anzahl seiner
Sprecher ist die Rede, vom umkämpften Versuch, über
der Vielfalt seiner Dialekte eine neue Schriftsprache zu errichten,
von Bedrohung, von Rettungsversuchen. Damit schiebt sich eine
mediale Dramatik in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die von
der Wirklichkeit der Sprache
ablenkt. Als könnte es uns, wenn wir dieser einmal geduldig
zuhören, nicht im Verständnis viel weiter bringen als
sämtliche vorlaut zu Markte getragenen Meinungen.
An interessanten
Texten in Rätoromanisch fehlt es ja keineswegs: gerade die
Belletristik der Romanen ist reich und vielfältig. Diese
Literatur hat bei orte seit je ihren Platz gehabt. Die Engadiner
Lyrikerin Leta Semadeni gehörte nicht nur zu den Gründern
unserer Zeitschrift, sie hat ihr sogar den Namen gegeben, und
zweimal war seither den schreibenden Rätoromanen ein Heft
gewidmet (vgl. orte 2 von 1974 und orte 55 von 1986). Das ist
eine Weile her, und so fanden wir es an der Zeit, nach der heutigen
Lage zu fragen, nach Neuerungen und Kontinuitäten. Dreizehn
Autorinnen und Autoren stellen wir vor, und betrachtet man, wie
klein diese Sprachgemeinschaft ist, so finden wir es für
einmal nicht selbstverständlich und sogar erfreulich, darauf
hinzuweisen, dass die Auswahl unvollständig ist. Nur fünf
dieser dreizehn waren schon in orte 55 vertreten. Ist aber nicht
gerade das Auftreten immer neuer Generationen von Schreibenden
ein kräftiges Zeugnis für die Lebendigkeit einer Sprache?
Allen Unkenrufen zum Trotz also: die romanische Literatur lebt.
Und wer die Vielfalt der Stimmen gehört hat, die in diesem
Heft zusammenkommen, wird sicher mit uns wünschen, dass das
so bleibt.
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