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Die orte-Nummer 150 hat ein ihr würdiges Thema: Gottfried Benn. Doch das Heft kommt nicht zum fünfzigsten Todestag des grossen deutschen Lyrikers zu Ihnen, sondern zum einundfünfzigsten. Das ist typisch orte, werden Sie vielleicht sagen. Und damit haben Sie sogar Recht. Wir machen diese oder jene Nummer, wenn sie nicht erwartet wird. Für uns, d.h. die Redaktion, bedeutet es ein Anliegen, nicht auf ausgeleierten Wegen zu gehen, sondern immer neue Pfade zu suchen.
Der eine oder andere kann sich auch die Frage stellen: Warum unser Titel „Benn und die Schweiz“? Das sei an den Haaren herbeigezogen. Ich sehe es nicht so. Denn Gottfried Benn hatte allerhand mit der Schweiz zu tun. Schon, als der zukünftige Hautarzt und Dichter als Sohn eines Pfarrers zur Welt kam, war die Schweiz gewissermassen als Patin mit dabei. Seine Mutter war Schweizerin, aus dem für mich etwas grauen jurassischen Städtchen Fleurier. Und weiter wäre zu nennen, dass Benns „Statische Gedichte“ nach dem zweiten Weltkrieg dank des Winterthurer Journalisten und Weltenbummlers Erhard Hürsch im Arche-Verlag von Peter Schifferli erschienen (sh. die interessante Arbeit von Thomas Ehrsam in diesem Heft).
Einer der ersten Literaturkritiker, der die Grösse Benns als Dichter erkannte, war niemand Geringerer als Max Rychner. Und wenn Benn auch mit Peter Schifferli so seine Probleme hatte (aus politischen Gründen kippte dieser Prosatexte aus dem Buch), sein Comeback nach dem Krieg verdankte er trotzdem Schweizern. Nicht nur war es damals für deutsche Autoren schwierig, in Deutschland zu publizieren. Benns kurze Schwärmerei für die Nationalsozialisten und seine entschieden geführte Auseinandersetzung mit Kollegen und Kolleginnen, die sich vor und während des Krieges ins Ausland absetzten, trugen noch entscheidend dazu bei, dass er im eigenen Land keinen Verlag fand. Dabei landeten auch seine früheren Titel auf dem berüchtigten Scheiterhaufen. Kommt hinzu, dass ein grosser Schweizer Dichter, nämlich Alexander Xaver Gwerder, in Sachen Musikalität, aber nicht thematisch zu „bennen“ anfing, Benn einen Brief schrieb, vermutlich aus Krankheitsgründen keine Antwort erhielt — und weil der eine oder andere Bekannte Gwerder wegen Benn kritisierte, schrieb Gwerder im August 1951 an Karl Krolow, „nun, wieso sollte Benn die zwei- oder dreihebigen, jambisch und trochäisch gemischten Achtzeiler etwa für sich gepachtet haben?“ Gwerder war aber eindeutig von Benn beeinflusst, was ihm sein Förderer Erwin Jaeckle, „Tat“-Chefredaktor, Nationalrat und selber Dichter, ein Jahr später mit den Worten vorwarf, „Sie haben Benn das Übelste abgeguckt, die Assoziitis (...) Ich bin darüber traurig, dass Sie sich derartigen bengalischen Feuerwerken verschreiben“.
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