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orte Nr. 152

Zwischen
Stühlen und Bänken


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„Dass Sie dem deutschsprachigen literarischen Schaffen im Kanton Graubünden eine orte-Nummer widmen, finde ich mehr als nur zuvorkommend“, schreibt Jon Nuotclà aus Ftan. Ähnlich dankbar schallt es auch aus andern Tälern des Kantons Graubünden, ebenso aus dem ausserkantonalen „Unterland“, in dem zahlreiche deutsch schreibende Bündner seit vielen Jahren leben. Nicht dass die deutsch geschriebene Literatur Graubündens ein Mauerblümchendasein fristen würde. Nur gerät sie immer wieder mal in den Schatten des rätoromanischen Literaturbetriebs, der sich einer vom Aussterben bedrohten Sprache bedient und deshalb – völlig zu Recht, wie wir meinen – auf viel Interesse und ebenso intensive materielle Unterstützung von staatlichen Institutionen und öffentlichen wie privaten Stiftungen zählen kann.

Auch orte hat den Rätoromanen bereits drei Nummern gewidmet (zuletzt orte 132). Und die „Italiener“ unter den Bündner Poeten wissen sich in die literarische Tradition des Tessin und Oberitaliens eingebunden. Deutschbünden befindet sich somit ein wenig zwischen Stühlen und Bänken. Ob dessen Literatur in dieser eher unkomfortablen Lage am Ende gar einen Thron darstellt, das sei Ihrem eigenen Urteil überlassen. Jedenfalls ist es kein Wunder und völlig berechtigt, dass der letzte nomadisierende Bündner Dichter deutscher Zunge, Chris Hassler, unsere Redaktion mit dem Ansinnen heimsuchte, nun endlich auch einmal etwas für die Deutschbündner zu tun. Er stürzte sich gleich selbst in die Arbeit, sammelte Material, lieferte Adressen, Hintergrundberichte und Anthologien, und er half am Ende auch beim Sichten und Redigieren der eingesandten Texte tatkräftig mit. Dafür sei ihm gedankt, auch für das Verfassen der Einleitung und nicht zuletzt für seine eigenen Gedichte, die er uns zur wohlwollenden redaktionellen Prüfung einsandte. Wir hätten sie auch gebracht, wenn er ins Projekt dieser Nummer nicht involviert gewesen wäre, denn seine Poesie steht für einen neuen, starken und modernen „Bündnerton“, den in ihrer je eigenen Weise auch Hans Gysi und Andreas Saurer anstimmen. Auf diesen Seiten dürfen aber auch Beispiele des Dialektschaffens nicht fehlen, gilt doch das Idiom Graubündens in der ganzen Schweiz als beliebte, äusserst wohlklingende Sprache, aus der sich mancherlei poetischer Profit schlagen lässt.

Im Übrigen sind wir nicht der Meinung, dass sich die drei Sprachen im Kanton Graubünden gegenseitig konkurrenzieren oder gar bedrängen. Es ist vielmehr ein fruchtbares Nebeneinander und sogar Ineinander im Gange. Zahlreiche romanisch schreibende Autorinnen und Autoren, wie etwa Rut Plouda, der jung verstorbene Flurin Spescha und viele mehr publizierten ihre Werke zweisprachig. „Italiener“ wie Vincenco Todisco schreiben bald auf Italienisch, bald auf Deutsch.